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Achtung vor der Hohen Acht!

Manfred Steffny (geb. 14.08.41) ist Gründer des Nürburgringlaufs und war 1978 erster Rennleiter. Er ist Chefredakteur des Laufmagazins SPIRIDON, Buchautor und erfolgreicher Trainer. Als Läufer nahm er an zwei Olympischen Spielen im Marathonlauf teil und läuft immer noch regelmäßig.

1978 Manfred Steffny

Den Nürburgringlauf über die volle Distanz kann man nicht aus der kalten Hose laufen. Die 24,4 Kilometer sind wesentlich anstrengender als ein Halbmarathon, den man gleichmäßig durchlaufen kann. Die Strecke über die Nordschleife hat durch die Steigungen bis zu 17 Prozent und Gefällstrecken bis zu elf Prozent einen eigenartigen Rhythmus, den man kaum einüben kann. Jede Kurve bringt eine andere Überraschung.

Schon vor dem ersten internationalen Nürburgringlauf 1978, bei dem damals der Spiridon Road Runners Club Deutschland als Veranstalter auftrat, haben wir vom Organisationsteam vor der Hohen Acht gewarnt. Und vor den Gefällstrecken zu Beginn der Runde. Wer da Gas gibt, fliegt zwar nicht aus einer der über 70 Kurven wie ein Motorsportler, der sich überschätzt, aber er kommt mit langem Schritt schon entkräftet an, wenn es zur Hälfte der Strecke hoch geht zur Hohen Acht. Da heisst es anfangs das Tempo bergab in Richtung Adenau zurückzunehmen, auch wenn man freie Bahn hat. Wer eine Endzeit von über zwei Stunden für den Gesamtkurs avisiert, sollte schnelles Gehen auf dem letzten Stück zur Hohen Acht einkalkulieren. Das ist für die meisten ökonomischer, und wenn man oben ist, geht es mit frischer Kraft weiter. Aber es kommen noch weitere Steigungen, das Karussell und schließlich die Döttinger Höhe.

Manfred Steffny als Klassensieger der M70 über 10 km in 45 min in Trier. Foto: Spiridon

Im Vorbereitungstraining sollte man mindestens einmal in der Woche im welligen Gelände üben, um die Muskulatur für den Nürburgringlauf aufzubauen. Auch das Bergablaufen muss trainiert werden. Möglichst aber nicht auf Asphalt, um die Gelenke zu schonen. Und damit kommen wir zu einer weiteren Besonderheit des Nürburgringlaufs. Der harte Boden geht in die Beine. Das heißt: nicht zu leichtes Schuhwerk auswählen. Da alle Kurven weiträumig von kurzgeschnittenem Grün umgeben sind, darf und sollte man dieses Grün nutzen, vor allem bergab. 

Die offene Lage des „Rings" in der Eifel sorgt immer wieder für Wetterüberraschungen. Beim ersten Lauf hatten wir große Wärme, beim zweiten Dauerregen. So gab es abwechselnd allerlei Kapriolen. Wir hatten aber auch schon ideales Wetter, zum Beispiel, als wir 1998 zum 20. Jubiläum mit einem kleineren Wettbewerb vor dem eigentlichen Volkslauf zur doppelten Runde starteten. Die erste Runde war am frühen Morgen wunderschön in der Stille der Eifel, immer wieder mit dem Blick auf die Nürburg, in der zweiten stießen dann Tausende zu uns. Man überholte ständig und wir wurden ständig überholt.

Die freie Lage sorgt dafür, dass der Regen auf den Kurs peitschen kann oder aber die Sonne hineinknallt. Ich erinnere mich besonders an das Jahr 1999. Damals kam ich gerade von der Leichtathletik-Weltmeisterschaft in Sevilla zurück, wo die Temperaturen bis auf 40 Grad Celsius im Schatten stiegen. Ich kam zum Nürburgring, freute mich über die Sonne, lief locker über den Kurs, trank unterwegs kaum etwas. Obwohl ich im letzten Jahr der Altersklasse M55 war, gewann ich meine Altersklasse souverän und war erstaunt, wie viele Läufer im Ziel sehr angestrengt und abgekämpft wirkten. Die Temperaturen waren im September bis auf 25°C gestiegen, und ich hatte als „Sevillaner" nichts davon bemerkt. Also: sollte es warm werden, unterwegs ordentlich trinken.

Wenn man die letzte Steigung geschafft hat und schon wieder die Nürburg sieht, ist man noch nicht im Ziel. Da merkt man plötzlich, dass eine lange Gerade auch sehr anstrengend sein kann. Der Kurs der „Grünen Hölle" scheint irgendwie verhext. Aber weil jeder Lauf – anders als jeder andere – so viele Überraschungen in sich birgt, gibt es so viele Wiederholungstäter, die hier Jahr für Jahr antreten.